Sovereigns Bullterrier


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Bullterrier Linda

Geschichten

Eine wahre Geschichte Bullterrier Linda von Gerd Hauke

Linda war ein lieber, guter Hund. Denn genau das hatte Herr Sörensen
unzählige Male zu ihr gesagt. Das mußte es sein, was er sagte. Da war
so etwas in seiner Stimme und seine Hände glitten dabei so über Lindas
Kopf, daß sie ihre schwarzen dreieckigen Äuglein schließen mußte vor
Glück. Linda hatte das richtig empfunden: Herr Sörensen sagte genau
das zu Linda oft.

Er hatte ein Geschäft für nicht ganz billige Möbel, Stoffe, Lampen und
was man sonst so zum Wohnen braucht.

Herr Sörensen hatte eine Frau gehabt, das war vor Lindas Zeit gewesen
und ist nicht wichtig für unsere Geschichte. Jetzt leben sie zu dritt in
der großen Wohnung über dem Geschäft: Sörensen senior, sein erwachsener
Sohn und Linda, die den ganzen Tag auch im Geschäft war. Wenn ein
Kunde kam, erschien Linda still und fröhlich und legte ihm ein dickes
Tauende vor die Füße. Dann gab es immer zwei Möglichkeiten:
Entweder der Kunde ergriff das Ende und Linda zog ihn am anderen
Ende unaufhaltsam durch den Laden, bis der lachend aufgab und losließ.
`Linda` sagten die Kunden, die das Spiel mit ihr spielten, `Linda`, du
bist mir zu stark. Oder aber Lindas Aufforderung wurde einfach übersehen.
Manche verstanden Linda eben nicht oder taten so oder wollten nicht
verstehen. Auch gut. Dann trollte sich die sandfarbene Hündin mit der
schönen schwarzen Zeichnung am Kopf und wartete auf bessere Kundschaft.
Zwischendurch spielte Sörensen Junior mit Linda im Park am Ende
der Straße und an den Wochenenden fuhren sie immer woanders hin.
Alle drei wanderten gern. Naja: Die beiden Sörensen wanderten und Linda
tobte seelig um sie herum. Während der Woche wurde Linda manchmal
von einer Gruppe kleiner Mädchen und Jungen abgeholt. Dann nahm
Herr Sörensen ihr das Halsband ab und legte ihr ein Geschirr an, wie
es die Schlittenhunde tragen. Linda war dann immer schon mächtig
aufgeregt, denn die Kinder rannten mit ihr zu einem kleinen Platz, der
asphaltiert war, aber für den Autoverkehr gesperrt.
Die Scate-boards
klapperten und schnurrten und die Kinder ließen sich von Linda ziehen.
Faßten in den Lederbügel am Rückenteil ihres Geschirrs und ab ging die
Post, jeder einmal um die ganze Anlage, bis die Kinder nach Hause mußten,
Linda umarmten und´bis zum nächstem Mal` riefen und `Danke Linda
ùnd `du warst wieder echt super` und `tschüss, Herr Sörensen`- denn
der war nach Ladenschluß erschienen, um Linda abzuholen.

" Na, sagte er, Linda, du wilde Hummel, hast du dich gut amüsiert?"
Und Linda hechelte zu ihm hoch: " Ja, ja, ja, Linda hat es gut gehabt."

An irgendeinem Tag hatte es dann angefangen. Eine streng riechende
Dame hatte auf Linda gezeigt und etwas gesagt, was Herrn Sörensen
Senior ein rotes Gesicht gemacht hatte. Er sprach lauter mit der Dame
als gewöhnlich und sie rauschte hinaus, ließ nur ihre Parfümwolke zurück,
für Linda noch lange. Sörensen Senior streichelte Linda, aber ganz bei
der Sache war er nicht. " Hast du das gehört", sagte er zu seinem Sohn,
der gerade aus dem Büro kam. " Linda ist ein Kampfhund!" Und dann
sagte er noch einiges über die Dame, was Linda nicht verstand. Und dann
war ohnehin Ladenschluß und die drei gingen in die Kneipe gegenüber;
Sörensens zischten ein Bier und der Kampfhund Linda bekam, wie immer,
eine Bockwurst.
Von jetzt an wurde es immer ungemütlicher. Bisher hatte sich kein Mensch
etwas dabei gedacht, daß Linda ein Bullterrier war, aber plötzlich waren
die Zeitungen voll von greulichen Geschichten über Hunde, die Menschen
gebissen hatten und immer sollten es Hunde wie Linda gewesen sein.
Oder so ähnliche Hunde. Irgendjemand hatte dann die Sache mit den
Kampfhunden aufgebracht. Kataloge wurden aufgestellt, welche Rassen
denn nun am gefährlichsten seien und Lindas Rasse stand immer ganz
oben auf den Listen. Wenn die Sörensens versuchten, mit den aufgeregten
Leuten zu reden, war das meist nicht mehr möglich. Niemand wollte sich
davon überzeugen lassen, daß Linda keiner Fliege etwas zu leide tat.
Keiner- bis auf ein paar alte Freunde- wollte sie mehr streicheln, die
Eltern verboten ihren Kindern das Scate-board-fahren mit Linda.
Es war wie eine Krankheit, die sich immer mehr ausbreitete:
Immer neue Greuelgeschichten standen täglich in den Zeitungen,
um die sich die Leute rissen: Je mehr Kampfhundlügen, desto mehr
von den Schmuddelblättern wurden verkauft und desto ängstlicher
wurden die Menschen auf den Straßen.


Die Sörensen konnten nicht alle Kunden nach Hause schicken, die
sich plötzlich vor Linda fürchteten und wenn sie Linda im Büro
einschlossen, fing sie an zu weinen und schließlich zu schreien.,
denn sie konnte natürlich nicht verstehen, warum sie plötzlich
eingesperrt wurde und war ganz verstört. Also wechselten sich
die Sörensens ab: Einer blieb immer mit Linda im Büro oder in der
Wohnung, der andere im Geschäft.

Es war aber nicht mehr das alte, gute Leben. Linda, die sich immer
frei bewegt hatte und mustergültig über die Straßen ging- sie achtete
besser auf die Ampeln als viele Passanten - Linda mußte an die Leine
genommen werden, weil die Leute sie und Herrn Sörensen beschimpften.
" Läßt den Kampfhund hier frei herumlaufen. Ist wohl noch nicht
genug passiert." Das und Ähnliches mußten sich die Sörensen nun
täglich anhören und niemand wollte glauben, daß Linda ein lieber,
guter Hund war.

Sörensen Senior regte sich dermaßen auf, daß er krank wurde. Sein Herz
schlug nicht mehr so ganz, wie es sollte, und er blieb jetzt häufiger zu Haus.
Wenn er mit ihr spielte, merkte Linda, wie ihn das anstrengte und nahm Rücksicht.
Aber Rücksichtnahme ist keine gute Vorraussetzung für Spiele, die
Hunde mögen. Und nach und nach wurden die Sörensens und Linda
immer trauriger. Es war einfach nicht mehr möglich, mit Linda unangefochten
zu leben und sie grübelten, wie sie etwas ändern könnten, es fiel keinem
etwas Vernünftiges ein: Das Geschäft brauchten sie, um leben zu können
und zum Leben gehörte Linda.


Eines Tages dann - eines Tages ging Herr Sörensen Senior nach Geschäfts-
schluß noch zum Tabakladen um die Ecke, um seinen Lottoschein abzu-
geben. Linda trottete an der Leine neben ihm her.
Der Tabakfritze, der Linda seit vielen Jahren kannte, machte eine der
üblichen Kampfhundebemerkungen, die witzig sein sollte.
Sörensen war der Humor in dieser Angelegenheit gründlich vergangen.
Er machte eine scharfe Bemerkung und verließ den Laden. " Du bleibst
mein lieber guter Hund", sagte er und beugte sich zu Linda herunter.
Dabei wurde ihm schwindelig. Er richtete sich auf, in seinen Ohren
rauschte es, vor den Augen tanzten schwarze Kreise, die immer größer
wurden. Und dann fiel Herr Sörensen mitten auf der Straße um, murmelte
noch so etwas, wie " Linda, bleib bei mir", dann lag er ganz still da.

Linda erschrak fürchterlich. Sie fiepte, leckte Sörensen Gesicht und Hände
und setzte sich ganz dicht neben ihn. Jetzt, das fühlte sie, jetzt wurde
etwas von ihr gefordert, was noch nie verlangt wurde. Jetzt lag die
Entscheidung bei ihr. Ihr lieber guter Sörensen- denn das war es,
was Linda im Herzen empfand- hatte die Verantwortung für sich der Linda übertagen.
Als sich aus dem Kreis der Leute , der sich bei solchen Ereignis unweigerlich
bildet, zwei Männer lösten und Anstalten machten, Herrn Sörensen anzufassen,
zog Linda die Lefzen hoch und ein tiefes grollen kam aus ihr, dem sie
selbst nachlauschte, so fremd erschien er ihr.

Die Leute wichen zurück, der Ruf nach der Polizei, der Wagen mit
Polizisten, der eifrige Zeuge und Helfer und Untertan, der immer
da ist: ( Herr Wachtmeister, wir wollten ja erste Hilfe leisten, aber
sie sehen ja selbst, der Kampfhund läßt keinen ran!) Ratlosigkeit;
die Stimme eines Einzelnen, der etwas von einer Betäubungsspritze
sagen will, geht unter in der düsteren Wolke von Hass, die über den
Menschen um Sörensen und Linda liegt: Da kann man es sehen,
mit eigenen Augen, hier ist doch der Beweis erbracht, Kampfhunde
sind unberechenbar, das Tier hat sich bloß verstellt- ( all die Jahre!)
jetzt sieht man ja - weg mit dem Köter, worauf warten sie!
Will die Polizei verantworten, das der Mann stirbt, weil der Hund
keinen an ihn ranläßt."

Dieser Hund verhält sich mustergültig, sagt einer, der jetzt erst dazukommt,
er verteidigt seinen wehrlosen Freund Mensch, lassen sie mich mal! Er geht ruhig
auf Linda zu, das Gebrüll der Leute wird zu einem hastigen Gezischel,
der Mann redet leise zu Linda, beruhigend, Linda schaut ihm stirnrunzelnd
in die Augen. " zurück" , schreit der Polizist, " sind sie wahnsinnig"
und reißt den Mann an der Schulter beiseite. Und Linda kann das nicht dulden.
Nicht jetzt und nicht hier. Da wird Gewalt angetan einem, der verläßlich
erscheint, dem Einzigen. Linda setzt zum Sprung an, jetzt sieht sie so
aus, wie die Leute es schon immer gewußt haben. Jetzt wird sie kämpfen,
und aus dem gleichen Grund: Um ihren Menschen zu schützen.

Der Polizist nestelt seine Dienstwaffe los. Er ist Beamter und beugt sich
dem Beschluß der Mehrheit, die von ihm erwartet, daß er jetzt ganz langsam die
Hand mit der Pistole hebt-

" Was machen sie denn da, um Gottes Willen!" Sörensen Junior bricht
durch die Menschenmauer und Linda springt ihm mit einem Schrei in Gesicht
und küßt ihn und lacht und zieht ihn am Ärmel zu Sörensen Senior;
und springt aufgeregt an den beiden Männern hoch, die endlich mit
einer Trage zur Stelle sind. " Ist ja gut, mein Kleiner" sagt der eine.
Er hat selbst einen Hund. Linda und der junge Sörensen steigen mit in den
Transporter, die Menschen gehen auseinander.

Es fehlt ihnen was an der Geschichte. Abends in den Kneipen und
Wohnzimmern wird jeder etwas anderes erzählen, und jeder wird als
einziger die Situation gerettet haben.

Sörensen Senior hatte nur einen Kreislaufkollaps, kam am selben
Abend noch nach Hause. Sörensens werden jetzt ihr Leben ändern,
der Senior muß es langsamer angehen lassen, hat der Arzt gesagt:
Gute Luft, viel spazierengehen, möglichst wenig Ärger. " machen wir",
sagt Sörensen Senior, machen wir alles, wo ein Wille ist- und so weiter-
was meinst du, mein lieber guter Hund?
Und faßt Linda mit beiden Händen um den Kopf und gibt ihr einen
Kuß mitten auf die schwarze Nase.
Die Geschichte ist wahr, weil sie so hätte ablaufen können.
Die Geschichte ist nicht wahr, weil der Polizist das ganze
Magazin seiner Pistole in Linda hineingeschossen hat.
Diese Geschichte mochte ich nicht erzählen.

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